Müller, Daniel (2008): Lunatic Fringe Goes Mainstream? Keine Gatekeeping-Macht für Niemand, dafür Hate Speech für Alle — zum Islamhasser-Blog Politically Incorrect

Müller, Daniel (2008): Lunatic Fringe Goes Mainstream? Keine Gatekeeping-Macht für Niemand, dafür Hate Speech für Alle — zum Islamhasser-Blog Politically Incorrect. In: März, Annegret / Müller, Daniel (Hg.): Internet: Öffentlichkeit(en) im Umbruch. Navigationen, Zeitschrift für Medien- und Kulturwissenschaften, Jg. 8, Heft 2, S. 109-126.

Müller (2008: 109) eröffnet den Aufsatz mit einem illustrativen Beispiel, das die Problemlage gut skizziert: Bei einer Call-In-Sendung zum Thema MigrantInnen und Medien war Müller als Studiogast geladen.

Nach einiger Zeit kamen Mitarbeiter und meldeten die ersten Anrufe, die man nicht durchstellen könne: Es handelte sich um Anrufer, die das Thema zum Anlass nehmen wollten, ausländerfeindliche Parolen loszuwerden (sinngemäß zusammengefasst als: „Die sollen doch alle dahin gehen, wo sie hergekommen sind!“). Diese Anrufe, die für die Mitarbeiter […] Routine waren, wurden nicht durchgestellt […].

Beschrieben wird damit die Zensur einer Position, die „in beachtlichen Umfang, wie Umfragen belegen, [existiert]“. (Ebd.) Zwar handelt es sich dabei um „Schmähkritik und Hetze“, doch „[t]rotzdem bleibt auch ein Unbehagen“. (Ebd.) Dieses speist sich daraus, dass dem Journalismus normalerweise die Aufgabe zugewiesen wird, „Öffentlichkeit herzustellen, allen Akteuren Zugang (Access) zu gewähren“. (Ebd.)
Tatsache ist allerdings, dass bestimmte Positionen und entsprechende Äußerungen von traditionellen Massenmedien stets gefiltert werden. Das betrifft sowohl Call-In-Formate als auch Leserbriefe. Von den RezipientInnen in der Regel unbemerkt, wird manchen Positionen der Zugang zur massenmedialen Öffentlichkeit verwehrt.

Man könnte sagen: Schon das Verschweigen unterliegt hier dem Schweigegebot, so wie im Procedere einer gründlich arbeitenden Zensurbehörde alten Typs, die nicht nur den anstößigen Artikel tilgt, sondern auch den entsprechenden weißen Fleck, auf dem das Corpus delicti hätte stehen sollen, wieder zu füllen befiehlt. (Müller 2008: 110)

Benannt sind damit Gatekeeping-Mechanismen, wobei nicht entscheidend ist, wie diese „im Einzelnen greifen“.

Festzuhalten ist, dass es Positionen gibt,die in den Massenmedien (One to Many) durch eine Kombination von Mechanismen aussortiert werden, obwohl sie in der Gesellschaft weit verbreitet sind. Man kann hier durchaus von Tabus sprechen. (Müller 2008: 113)

Mit dem Ziel, diese Tabus zu brechen, konstituieren sich Gegenöffentlichkeiten. Gegenöffentlichkeit als Begriff ist dabei „fast durchgehend […] positiv konnotiert“. (Ebd.)

Die Akteure der Gegenöffentlichkeit sind als Underdogs, als Davids, die dem übermächtigen Goliath der globalisierten Medienkonzerne (vormals „Kulturindustrie“) den ungleichen Kampf ansagen, der Sympathien des Publikums gewiss — zumindest der kleinen Eliten des Publikums, die von der Existenz solcher Gegenmedien überhaut Kenntnis haben. (Müller 2008: 114)

Gegenöffentlichkeiten existierten schon immer, aber durch das Internet gelangen sie zu „ungeahnter Wirkungsmächtigkeit“. (Ebd.) Jeder Menschen, der eine Position vertritt, der von den traditionellen Massenmedien der Zugang verwehrt bleibt, kann diese nun mithilfe eine Weblogs online stellen und damit öffentlich machen. Das heißt, mithilfe von Weblogs und ähnlichen Internetanwendungen können sich Menschen nun selber Access verschaffen. Aus diesem Grund werden Weblogs „oft pauschal der als ‚emanzipatorisch‘ positiv bewerteten Gegenöffentlichkeit zugerechnet“. (Ebd.)

Daniel Müller widerspricht der weit verbreiteten Annahme, dass der Internet-Umbruch emanzipatorischen Gegenöffentlichkeiten zugute komme. Diesen gelinge „auch durch das Internet vielfach kaum, ihren Zugang zur Öffentlichkeit zu verbreitern, ein größeres Publikum anzusprechen“. (Ebd.) Die Gewinner des Umbruchs seien vielmehr „Verbreiter von Hate Speech, also von menschenverachtenden Äußerungen und Hetze“. (Ebd.)

Sie können sich nun in Überwindung der ‚Schweigespirale‘ vergewissern, dass sie mit ihrer Meinung nicht alleine stehen, und brauchen dazu noch nicht einmal den Schutz der Anonymität zumindest gegenüber der weiteren Öffentlichkeit aufzugeben, denn die Mehrzahl der Kommentare wird unter Internet-Spitznamen (Nicknames) bzw. – Pseudonymen abgegeben, die keine Rückschlüsse auf ‚Klarnamen‘ lassen. Die Blogs selbst wandern ggf. auf Server im Ausland. Damit laufen viele der althergebrachten Sanktionen ins Leere. Es ist also gerade der Lunatic Fringe — die „spinnerte Randerscheinung“ (Riesebrodt) auch und gerade im politischen Sinne –, der vom Internet-Umbruch besonders profitiert, in mancherlei Hinsicht zum Mainstream aufschließen kann […]. (Ebd.)

Im zweiten Teil untersucht der Autor den Weblog Politically Incorrect (PI). Dieser Blog, der unter der URL http://www.pi-news.net zu finden ist, dient als „(Negativ-)Beispiel für den eingangs beschriebenen Niedergang des Gatekeeping bei gleichzeitigem Aufstieg von Hate Speech“ (Müller 2008: 116).
PI zählt zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Weblogs — alleine im November 2004 konnte der Blog auf mehr als 11 Millionen Besucher verweisen –, und wird im Ausland gehostet. Um die Stoßrichtung von PI zu verdeutlichen, führte Müller eine Inhaltsanalyse durch. In die Stichprobe gingen dabei alle PI-Beiträge ein, die am 31. August 2008 auf der Startseite des Weblogs zu finden waren (insgesamt 50 Beiträge). (Müller 2008: 119)
Im Mittelpunkt der Beiträge von PI steht „der Islam“, der als Bedrohung gezeichnet wird. Nicht-Muslime, die die Haltung von PI nicht teilen, werden dabei als „Gutmenschen“ skizziert, die dem Untergang des Abendlandes Vorschub leisten.

Betont wird auch die Rolle, die den Kommentatoren der einzelnen Beiträge zukommt: Sie sind „oft weitaus dramatischer als die Beiträge selbst“ (Müller 2008: 120). Hier finden sich auch Gewaltphantasien, „vom Wunsch nach Lynchjustiz gegen einzelne Muslime und ‚Gutmenschen‘ bis hin zum Stoßgebet um vollständige Vernichtung islamischer Länder“. (Ebd.)

Nach Analyse des islamophoben Weblogs schließt der Autor mit der — durchaus provokanten — These, dass es auch ein „Zuviel an Access“ gäbe; allerdings nicht ohne zuvor festgestellt zu haben, dass natürlich über die im Namen des Islam verübten Vergehen und Verbrechen berichtet werden müsse — allerdings nicht in Form von Hate Speech, wie es bei PI der Fall ist.

Kommentar

Müllers Beitrag ist einer der wenigen deutschsprachigen Aufsätze, die Hate Speech im Internet thematisieren. Wichtig erscheint die Feststellung, dass es nicht die emanzipatorischen Gegenöffentlichkeiten sind, die durch den Internet-Umbruch profitieren, sondern dass vor allem reaktionäre Bewegungen Zulauf erhalten. Wurde deren Schmähkritik und Hetze früher zensiert und damit eine Verbreitung dieser Positionen unterbunden, so können sie heute mithilfe des Internets um Publikum werben. Dieses bringt sich, wie Müller zeigen kann, durch Kommentare ein, die oftmals Vernichtungswünsche kommunizieren. Da solche Weblogs oftmals im Ausland gehostet werden, greifen hier auch rechtliche Bestimmungen, die z.B. Volksverhetzung unter Strafe stellen, nicht.

Müller ist mit dem Beitrag gelungen, auf provokante Art und Weise eine Forschungslücke zu benennen, die existiert, weil Weblogs oftmals pauschal als emanzipatorisch betrachtet werden. Insofern formuliert Müller auch Kritik am vorherrschenden Begriff von Gegenöffentlichkeit, der alle nicht-emanzipatorischen Gegenöffentlichkeiten ausschließt — und damit unsichtbar macht.

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Gerstenfeld (2003): Hate Online: A Content Analysis of Extremist Internet Sites

Gerstenfeld , Phyllis B. (2003): Hate Online: A Content Analysis of Extremist Internet Sites. In: Analyses of Social Issues and Public Policy, Vol. 3, No. 1, 2003, pp. 29-44.

In 1985, for example, long before most people had heard about the Internet, Tom Metzger, the leader of the White Aryan Resistance, created a computer bulletin board (Hamm, 1993). (S. 29)

Gerstenfeld widmet sich in ihrem Beitrag extremistischen Websites. Dabei hebt sie hervor, dass ExtremistInnen seit jeher im Internet sehr aktiv sind, des Weiteren, „that the Internet may be an especially powerful tool for extremists as a means of reaching an international audience, recruiting members, linking diverse extremist groups, and allowing maximum image control“ (S. 29).
Wie auch andere AutorInnen, die sich mit dem Thema Hate speech im Internet beschäftigen, verweist sie darauf, dass das Internet auf vielfältige Art und Weise genutzt werden kann – auch von ExtremistInnen. Das Betreiben von Websites, das der Verbreitung der hasserfüllten Ideologien und der Rekrutierung neuer AnhängerInnen dient, ist dabei nur eine Anwendung von vielen und wird ergänzt durch Anwendungen, die z.B. die interne Kommunikation zwischen AktivistInnen vereinfachen. Im Mittelpunkt des Aufsatzes stehen aus nachvollziehbarem Grund Websites und deren Inhalte – Gerstenfeld betont zurecht, dass hierzu kaum Forschung vorliegt (S. 30):

Despite extremist groups’ frequent use of the Internet, few attempts have been made to examine their web sites in a systematic manner to examine what the sites actually contain, and to determine precisely to what purposes the sites are being put.(Ebd.)

Diese Forschungslücke will Gerstenfeld mit einer quantiativen Inhaltsanalyse extremistischer Websites füllen.

In die Stichprobe gingen dabei 157 Websites ein, die entweder bei NGOs, die Online Hate speech überwachen, oder aber bei Yahoo in der Kategorie „White Pride and Racism“ gelistet waren. Gerstenfeld legt Wert darauf zu betonen, dass es nicht möglich ist, alle Hate sites zu erfassen – verweist aber darauf, dass in der Stichprobe alle „major players in the extremist world, as well as many minor ones“ (S. 31) zu finden sind.
Die inkludierten Websites wurden gesichtet und die Inhalte vercodiert.

Kategorien (S. 32)

Die Analyse der erhobenen Daten brachte u.a. folgendes zutage:

  1. Die Websites sind in hohem Maße untereinander vernetzt.: „In fact, 49.7% of the sites linked to at least one site in another category (and 62% of the sites with at least one external link had at least one link to another kind of group).“ (S. 33)
  2. Sieben Prozent der untersuchten Websites enthalten Inhalte, die Kinder und Jugendliche ansprechen sollen (S. 34).
  3. Die Inhalte der Websites ähneln sich: „Regardless of the type of site, there was much similarity in content. Seventynine of the sites (50.3%) mentioned economic issues, 78 (49.7%) contained racist symbols (such as swastikas or burning crosses), and 50 of the sites (31.8%) contained quotations from or the entire text of such “classics” of supremacist literature as Mein Kampf, The Protocols of the Elders of Zion, The Turner Diaries, or The International Jew.(S.35)
  4. Gut 22 Prozent der untersuchten Websites enthielten Texte, in denen behauptet wurde, dass es sich um keine Hate site handle. Beispiel: „The Knights of the Ku Klux Klan exclaims, ‚We are not a hate group!'“ (Ebd.)
  5. Gut 17 Prozent der Websites rufen zur Gewalt auf. (Ebd.)
  6. Die Mehrheit der untersuchten Websites bietet Bücher, CDs u.Ä. zum Verkauf an, und gute 30 Prozent ermöglichen es BesucherInnen der Website über ein Formular Mitgliedschaft zu beantragen.

Bei Diskussion der Ergebnisse verweist Gesterfeld (nochmals) auf die Vorteile des Internets für extremistische Gruppen – es ist kostengünstig und grenzüberschreitend. Auch betont sie, dass weiterer Forschungsbedarf besteht. Zu den Fragen, auf die noch keine Antworten existieren, zählen u.a.:

For example, precisely what are the messages that are being promoted on these sites? How persuasive are these messages to various potential audiences? Do the sites, in fact, “convert” new extremists, or do they simply inform and unify existing ones? Who visits these sites and why? Many sites claimed to be unbiased yet also contained latent racist or violent messages. Does this mislead visitors (especially younger ones) and increase the attractiveness of the groups? (S. 42)

Hate speech im Internet

Das Internet im Allgemeinen und das Web 2.0 im Besonderen eröffnet den Menschen die Möglichkeit, aus dem“Publikum“ herauszutreten und KommunikatorInnen zu werden. Prinzipiell war diese Möglichkeit auch früher schon gegeben, doch im Gegensatz zur Herausgabe einer Zeitschrift o.Ä. fallen beim Betreiben einer Internetplattform kaum Kosten an. Das gilt sowohl für die Produktion selber, als auch für den Vertrieb. Dementsprechend ist es heute ein Leichtes, mit politischen Forderungen an die Öffentlichkeit zu treten, um für Unterstützung  zu werben.

Dieser Umstand wurde und wird in der Wissenschaft meist als positiv betrachtet (wenngleich manchmal die Position vertreten wird, dass das Internet zu einer Fragmentierung der Öffentlichkeit führe). Dass sich Gesellschaftsmitglieder über das Internet an der gesellschaftlichen Debatte beteiligen können, wird als Erweiterung gesellschaftlicher Teilhabe verstanden. Dem ist nach Meinung der Autorin prinzipiell zuzustimmen. Tatsächlich erweitert das Internet die Möglichkeiten politische Partizipation.

Ausgehend davon, dass das Internet die politische Partizipation dadurch fördert, dass jeder und jede heute politische KommunikatorIn sein kann, ist die Frage zu stellen, mit welchen politischen Positionen und Forderungen die Menschen über das Internet in Erscheinung treten. Hierzu kann festgestellt werden, dass im Mittelpunkt kommunikationswissenschaftlicher Forschung bislang v.a. emanzipatorische Bewegungen standen, also Bewegungen, die für Inklusion streiten. Im Gegensatz dazu wurden Bewegungen, die Exklusion fordern, bislang kaum thematisiert. Doch auch diese existieren im Internet und erfreuen sich nicht selten regem Zulauf.

Im Zentrum der folgenden kommentierten Bibliographie stehen die wenigen wissenschaftlichen Arbeiten, die sich mit Hate speech im Internet und Hate sites auseinandersetzen. Des Weiteren wurden einige Werke aufgenommen, die sich auf  das Phänomen Hate speech im Allgemeinen  beziehen. Letztere wurden berücksichtigt, um sich dem Begriff Hate speech annähern zu können.

Reflexion

Wichtig ist, Hate speech näher zu definieren. Noch ist nicht ganz klar, was unter Hate speech alles verstanden werden soll, was selbstverständlich die Literaturauswahl verunmöglicht. Daher steht derzeit die Beschäftigung mit Hate speech an sich im Vordergrund. Literatur, die hierbei berücksichtigt wird, stammt u.a aus den Critical Race Studies, in deren Rahmen schon Anfang und Mitte der 1990er eine Auseinandersetzung mit verletztener Sprache erfolgte. In die Literatur werden auf jeden Fall folgende zwei Werke aufgenommen:

Die Debatte brachte auch zutage, dass es wenig sinnvoll ist, Cyberbullying zu berücksichtigen; zwar existieren Überschneidungen, doch Cyberbullying ist ein eigenes soziales Phänomen. Des Weiteren wurde an der Systematisierung in nachvollziehbarer Weise kritisiert, dass 2e eigentlich zu 1a gehört.

Versuch der Systematisierung bestehender Literatur

1. Was ist Hate speech?

a.) juristische Definitionen

b.) linguistische Definitionen (z.B. Butler 2006)

2.) Hate speech im Internet

a.) Hate sites

– Hate sites

  • Antisemitismus
  • Rassismus
  • antimuslimischer Rassismus
  • Islamismus
  • Sexismus

– Cloaked sites

  • Antisemitismus
  • Rassismus
  • antimuslimischer Rassismus
  • Islamismus
  • Sexismus

b.) Hate speech in sozialen Netzwerken (z.B. Facebook) und Portalen (z.B. Youtube)

c.) Hate speech in Kommentaren (z.B. auf Weblogs)

d.) Cyberbullying (E-Mail, Instant Messeging …)?

e.) Regulierungen im deutschsprachigen Raum (z.B. Timofeeva 2003)?

Historischer Überblick: „Hate and the Internet“

Einen ersten guten historisch orientierten Überblick über Hass/-gruppen im Internet bietet ein Aufsatz von Kenneth S. Stern vom American Jewish Commitee. Der Schwerpunkt liegt auf den USA.

Hate speech im Web

Geht es um den Themenkomplex (Gegen-)Öffentlichkeiten und Internet, so überwiegt in weiten Teilen der Forschung nach wie vor demokratiepolitische Euphorie. Durch den Wegfall von Zugangsbarrieren, die traditionelle Massenmedien kennzeichnen, ermögliche das Internet insbesondere emanzipatorisch orientierten sozialen Bewegungen und Individuen, sich Gehör zu verschaffen, und zwar in einem Ausmaß, das bislang nicht möglich war.  Ausgehend von dieser Annahme werden verschiedene Internetöffentlichkeit beleuchtet. Allerdings nicht alle: Außen vor bleiben bei den einschlägigen Untersuchungen meist rechtsextremistische, rassistische, antisemitische und sexistische Internetöffentlichkeiten. Es scheint fast so, als wolle sich die ForscherInnenzunft mit diesen Öffentlichkeiten nicht auseinandersetzen, könnte sich doch zeigen, dass vom Wegfall der Zugangsbarrieren weniger emanzipatorische als reaktionäre Positionen profitieren. Um diese Gefahr erst gar nicht aufkommen zu lassen, neigen manche ForscherInnen dazu, reaktionäre Positionen pauschal vom Gegenöffentlichkeitsbegriff auszuschließen. Das gilt für den deutschsprachigen Raum (Engesser/Wimmer 2009: 45, Fußnote3), aber auch für den englischsprachigen (Atton 2006: 574). Ist eine Gegenöffentlichkeit so definiert, dass reaktionäre Positionen vorab ausgeschlossen werden, so lassen sich im Anschluss natürlich keine reaktionären Gegenöffentlichkeiten im Internet finden und analysieren.

Es verwundert daher nicht, dass nur wenige Arbeiten zumThema Hate speech im Internet existieren, setzen Arbeiten zum Thema doch voraus, dass man zur Kenntnis nimmt, dass auch Gruppen und Personen, die menschenfeindliche Positionen vertreten, das Internet nutzen und sich Gehör verschaffen können. Dazu aber scheinen viele ForscherInnen nicht bereit zu sein, obwohl rassistische Blogs wie z.B. Politically Incorrect mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf mehr tägliche Visits verweisen können als z.B. http://no-racism.net/.

Ziel dieses Weblogs ist es, die wenigen wissenschaftlichen Auseinandersetzungen zum Thema Hate speech im Internet vorzustellen und (kritisch) zu kommentieren.  Damit soll nicht nur den ForscherInnen, die vor den Abgründen des Internets nicht die Augen verschließen, Respekt gezollt werden, sondern vor allem eine Grundlage für eine weitere Auseinandersetzung mit dem durchaus brisanten Thema gelegt werden.